APEX RACEWIRE Redaktion
Matt Campbell begrüßt Neustart mit Fords Hypercar bei intensivem Testprogramm
Nach zehn Jahren bei einer Konkurrenzmarke steuert Matt Campbell Fords neues LMDh-Projekt durch intensive Europa-Tests – vor dem offiziellen Launch und der anvisierten Rückkehr in die Topklasse von Le Mans.
Von Lesley Bakker - 2026-10-14T17:30:00.000Z - 3 Min. Lesezeit

Nach einem ganzen Jahrzehnt im Dienst eines anderen Herstellers in ein völlig neues Umfeld einzutauchen, bringt unweigerlich einen Perspektivenwechsel mit sich. Für Matt Campbell bedeutet der Wechsel in das Hypercar-Werksentwicklungsprogramm von Ford sowohl einen beruflichen Neustart als auch das sofortige Eintauchen in den absoluten Spitzenbereich des Langstreckensports. Nachdem der australische Pilot die 24 Stunden von Le Mans in der vergangenen Saison auslassen musste, hat er sein vertrautes Umfeld gegen eine zentrale Entwicklerrolle bei der Rückkehr der US-Marke in die Königsklasse des Sportwagensports eingetauscht.
Die Testfahrten mit dem neuen V8-Renner begannen im August und bildeten den Auftakt zu einer intensiven Serie europäischer Streckeneinsätze in Le Castellet, Portimão und Silverstone. Erste Standortbestimmungen auf dem Circuit Paul Ricard übertrafen die ursprünglichen internen Erwartungen: Sie brachten eine beachtliche Kilometerleistung und schufen eine ermutigende operative Basis nach monatelanger Simulatorvorbereitung, die bereits im Februar ihren Anfang genommen hatte. Neben seiner aggressiven Linienführung verbindet der Bolide den rauen Charakter seines Verbrennungsmotors mit der technischen Komplexität moderner Spitzenprototypen.
Während sich die standardisierten Hybridkomponenten und die Einheitsbatterie im gereiften Reglement als stabil erwiesen haben, bleibt die Kalibrierung der herstellereigenen Systeme die größte Hürde. Campbell verwies auf komplexe Softwarearchitekturen und die Integration des Hybrid-Bremssystems als jene Bereiche, die den höchsten Zeitaufwand erfordern. Gestützt auf sein Vorwissen über die LMDh-Plattform treibt er die Mapping-Arbeiten gemeinsam mit seinen Fahrerkollegen Nick und Tom voran, um die elektronische Balance und Konstanz des Fahrzeugs vor dem Renndebüt im kommenden Jahr zu verfeinern.
Das Feedback aus dem Cockpit hat in dieser frühen Erkundungsphase immenses Gewicht, da die Telemetrie allein nicht vermitteln kann, wie der Prototyp beim Anbremsen und Einlenken unter dem Piloten reagiert. Auch wenn die Sensoren an Bord eine Flut an Rohdaten liefern, betonte Campbell, wie unverzichtbar der menschliche Fahreindruck bei wegweisenden Ingenieursentscheidungen bleibt. Das frühzeitige Aufspüren von Eigenheiten in der Fahrzeugbalance verhindert spätere Leerläufe in der Entwicklung – gerade jetzt, wo das Team von ersten Funktionstests zur echten Zeitenjagd übergeht.
Erfolg auf der Langstrecke hängt zudem stark vom Klima in der Box ab. Mit Blick auf die Tugenden, die für einen Sieg in Le Mans nötig sind, nannte Campbell kompromisslose Konstanz und gemeinsamen Gleichklang als unverzichtbare Teameigenschaften. Aus seiner Sicht verlangen vierundzwanzig Rennstunden Fahrer, die sich gegenseitig antreiben können, wenn Speed gefordert ist, aber auch genau wissen, wann sie das Material schonen müssen, um Tag und Nacht unnötige Fehler zu vermeiden.
Im Fahrerlager kamen schnell nostalgische Erzählungen auf; Fans erinnerten nur allzu gern an das historische Duell zwischen Ford und Ferrari aus den 1960er-Jahren. Campbell erkannte diesen geschichtsträchtigen Hintergrund an, behielt aber einen nüchternen Blick auf die gewaltige operative Aufgabe, sich mit etablierten Herstellern um den Gesamtsieg zu duellieren. Ebenso gelassen reagierte er auf die Nachfragen rund um Max Verstappen und dessen mögliche Zukunft im Langstreckensport: Ein Pilot dieses Kalibers würde zweifellos für Tempo sorgen, betonte Campbell, hielt jedoch fest, dass jedes derartige Szenario reine Spekulation bleibe.
Mit Blick nach vorn wird der Entwicklungsplan bald greifbare Höhepunkte für die Öffentlichkeit liefern. Ford beabsichtigt, in den kommenden Wochen den offiziellen Modellnamen des Hypercars bekanntzugeben, gefolgt von einer feierlichen Präsentation in den USA Ende November. Da die kontinuierliche Systemvalidierung bis weit in die nächste Saison hineinreichen soll, bildet die aktuelle Basisarbeit auf den Teststrecken das Fundament für ein ehrgeiziges Langzeitprojekt mit dem Ziel, die oberste Stufe des Podiums in Le Mans zu erklimmen.